Jordan Peterson Germany
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Wir alle teilen ähnliche Erfahrungen – von Hunger, Einsamkeit, Durst, sexuellem Verlangen, Aggression, Furcht und Schmerz. Doch wir müssen die urzeitlichen Wünsche sortieren und bändigen, denn die Welt ist ein ziemlich komplexer und leider durchgängig realer Ort, wo das, was wir gerade wünschen, auf andere Wünsche knallt, eigene wie fremde.
Neulich wurde ich auf einem überfüllten Flughafen Zeuge, wie ein dreijähriger Knirps laut heulend hinter Mama und Papa herlief – und zwar im Terrormodus, mit einer fünfsekündigen Pause zwischen den einzelnen Einsätzen. Da ich selbst Vater bin, war mir vollkommen klar, dass er diese Show absichtlich abzog und dass er noch lange nicht am Ende seiner Kraft war. Er wollte seine Eltern nerven, indem er die Aufmerksamkeit der ganzen Ankunftshalle auf sich lenkte. Vielleicht fehlte ihm wirklich etwas, ich weiß es nicht. Gleichwohl, fand ich, war das keine Art, und seine Eltern hätten ihm dringend Bescheid sagen müssen. Jetzt könnten Sie zu bedenken geben, dass die Eltern vollkommen erledigt waren nach einem zehnstündigen Flug durch mehrere Zeitzonen. Mag sein, aber eine dezidierte Ansage von dreißig Sekunden Dauer hätte das peinliche Theater womöglich beendet. Gewissenhafte Eltern hätten es erst gar nicht dazu kommen lassen, dass sich ihr Kind, das sie ja lieben, zum Objekt allgemeiner Verachtung macht.
Als meine erwachsene Tochter noch klein war, bekam sie einmal von einem anderen Kind ein Spielzeugauto aus Metall an den Kopf. Ein Jahr später sah ich dasselbe Kind, wie es sein kleines Geschwisterchen rücklings über einen zerbrechlichen gläsernen Sofatisch schubste. Die Mutter hob den Übeltäter hoch, beschwor ihn in gedämpftem Ton, doch nicht so gemein zu sein, und tätschelte ihn gleichzeitig aufmunternd den Rücken. Das kleine Geschwisterchen dagegen erhielt keinerlei Trost. Die Mutter war nämlich vollauf damit beschäftigt, sich den nächsten Imperator des Universums heranzuziehen. Es ist die heimliche Agenda vieler Mütter, so sehr sie auch sonst für Gleichstellung sind. Solche Frauen reagieren lautstark auf alles, was sich nach männlicher Bevormundung anhört, kommen aber sofort gerannt, wenn ihr Nachwuchs beim Videospielen nach einem Erdnussbutter-Sandwich verlangt. Die künftigen Partner solcher Jungen haben allen Grund, solche Mütter in die tiefste Hölle zu wünschen. Respekt vor Frauen? Das mag für andere Jungs, andere Männer gelten, aber nicht für ihren Liebling.
Deswegen müssen wir uns unsere Wünsche bewusst machen, sie artikulieren und priorisieren und sie nach Möglichkeit so arrangieren, dass eine Hierarchie der Wünsche entsteht.
Manche Kinder ziehen, unabhängig von Geschlecht oder Persönlichkeit, den bewussten oder unbewussten Hass ihrer Eltern auf sich, und niemand weiß, warum. Ich habe einen vierjährigen Jungen erlebt, der offenbar daran gewöhnt war, kein Essen zu bekommen. Weil seine Nanny sich wegen eines Unfalls nicht um ihn kümmern konnte, wurde er immer wieder bei Nachbarn geparkt, einmal auch bei uns. Bei dieser Gelegenheit meinte seine Mutter, es wäre möglich, dass er den ganzen Tag über nichts äße. »Aber das ist okay«, fügte sie noch hinzu. Es war natürlich keineswegs okay. Wie wenig okay, sah man spätestens, als er nach ein paar Stunden gar nicht mehr von meiner Frau lassen wollte, nachdem sie ihn beim Mittagessen geradezu gefüttert hatte, damit er überhaupt etwas zu sich nahm. Dabei war er nicht allein am Tisch. Ich saß mit dabei, unsere beiden Kinder sowie zwei Nachbarskinder, die ebenfalls regelmäßig den Nachmittag bei uns verbrachten. Wir alle aßen, nur er saß stumm vor seinem Teller, presste die Lippen zusammen und drehte den Kopf zur Seite, während meine Frau mit Engelsgeduld versuchte, ihm den nächsten Löffel – man muss schon sagen – einzuflößen. Dieses Trotz- und Abwehrmuster ist eigentlich typisch für einen vernachlässigten Zweijährigen. Aber meine Frau gab nicht auf. Nach jedem Löffel streichelte sie ihm den Kopf und gab ihm zu verstehen, was für ein »guter Junge« er sei. Und das war nicht einmal gelogen. Sie hielt ihn tatsächlich für einen guten Jungen, für einen hübschen, vollkommen gestörten Jungen. Zehn Minuten später war er fertig, und wir wollten erst gar nicht glauben, dass das Drama fürs Erste überstanden war. »Guck mal«, sagte meine Frau und hielt seinen Teller hoch. »Du hast alles aufgegessen!« Der Junge, der bis dahin nur missmutig in der Ecke gestanden hatte, mit den anderen Kindern nicht spielen wollte und gar nicht reagierte, als ich ihn kitzelte, um ihn zum Mitspielen zu bewegen, derselbe Junge lächelte auf einmal über beide Backen und erlöste auch alle anderen am Tisch. Selbst während ich dies schreibe, immerhin zwanzig Jahre später, treibt es mir die Tränen in die Augen. Danach folgte er meiner Frau wie ein kleines Hündchen, ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Sobald sie sich setzte, sprang er auf ihren Schoß und hielt sie umklammert, als sei nur bei ihr die Liebe zu finden, die er allem Anschein nach nie bekam. Später am Nachmittag, aber immer noch viel zu früh, kehrte die Mutter zurück. Schon auf der Treppe zu unserem Spielzimmer im Souterrain sagte sie: »Ach, sieh an, die Super-Mom!« Sie hatte ihren Sohn auf dem Schoß meiner Frau gesehen. Kurz darauf zog sie ab, stinksauer und mit ungerührtem Rabenherz, an der Hand der Kleine, der ihr folgte wie ein zum Tode Verurteilter. Was soll ich sagen? Die Frau war Psychologin. Manchmal sieht man Dinge, bei denen wünscht man sich, man hätte sie nicht gesehen – oder wäre gleich ganz blind.
Unsere Werte, unsere Moral sind Indikatoren eines höchst komplexen Denkens.
Manche lokalisieren die Ursache zielsicher in der Erwachsenenwelt, entweder bei dem betroffenen Elternteil oder in der Gesellschaft. »Es gibt keine schlechten Kinder«, heißt es dann, »nur schlechte Eltern.« Wenn dann noch das Idealbild des unverdorbenen Kindes ins Spiel gebracht wird, kann man sich dieser Ansicht kaum verschließen. Die Schönheit, Offenheit, Lebensfreude, das Vertrauen und die Liebesfähigkeit von Kindern machen es leicht, den Erwachsenen die Schuld zu geben. Aber diese romantische Einstellung ist nicht nur naiv, sie ist auch ziemlich einseitig, denn es ist durchaus vorstellbar, dass die Eltern einfach ein schwieriges Kind haben. Außerdem tut es nicht gut, für jede unschöne Erscheinung gleich die Gesellschaft haftbar zu machen. In der Konsequenz verschiebt man das Problem nur in die Vorvergangenheit und gewinnt weder eine Erklärung noch eine Lösung. Wenn die Gesellschaft böse ist, die Individuen in dieser Gesellschaft aber nicht, woher kommt es dann, das Böse? Wie konnte es sich so breitmachen? Wie gesagt, es handelt sich hier um eine erkennbar ideologisch geprägte Theorie. Noch prekärer ist die daraus abgeleitete Forderung, dass jedes individuelle Problem, wie selten auch immer, durch einen großflächigen Umbau des kulturellen Gefüges gelöst werden muss.
Immer schriller werden die Rufe nach einer radikalen Dekonstruktion aller stabilisierenden Traditionen, nur um immer kleineren Gruppen von Unangepassten entgegenzukommen, die selbst solche Kategorien nicht mehr gelten lassen, auf denen unsere ganze Wahrnehmung beruht. Das ist keine gute Entwicklung. Nicht jedes private Wehwehchen kann durch eine soziale Revolution geheilt werden, weil Revolutionen für gewöhnlich destabilisierend wirken. Die Menschen haben gelernt, miteinander auszukommen und komplexe Gesellschaften zu bilden, doch das ging nur schrittweise und hat entsprechend lange gedauert. Vielfach verstehen wir nicht einmal genau, warum das, was da ist, überhaupt funktioniert. An diesem diffizilen Gefüge im Namen irgendwelcher Schlagworte etwas herumzudoktern (hier fällt mir »Diversität« ein) richtet vermutlich mehr Schaden an, als es behauptete Missstände behebt. Selbst kleine Revolutionen sollte man in ihrer insgesamt negativen Wirkung nicht unterschätzen.
Gehorsam reicht bei Weitem nicht. Doch der Mensch, der des Gehorsams fähig ist (anders ausgedrückt: ein disziplinierter Mensch), ist zumindest ein brauchbares Werkzeug.
Der Glaube, Kinder seien im Prinzip gänzlich unverdorben und würden nur durch unsere Kultur und Gesellschaft innerlich beschädigt, geht im Wesentlichen auf den Franzosen Jean-Jacques Rousseau zurück.6 Rousseau war fest von dem malignen Einfluss von Gesellschaft und Privatbesitz überzeugt. Auf der anderen Seite sei nichts so freundlich und wundervoll wie der Mensch in seinem vorzivilisatorischen Zustand. Allerdings fand er nichts dabei, seine fünf Kinder kurz nach der Geburt der liebenden Fürsorge eines Findelhauses anzuvertrauen. Der edle Wilde hingegen, so wie Rousseau ihn beschrieb, war ein Ideal, kein Naturbursche aus Fleisch und Blut. Irgendeine Art Gotteskind wohnt wohl immer in unserer Vorstellung. Ein Wesen wie eine Verheißung, der jugendliche Held, die verfolgte Unschuld, der verlorene Sohn des rechtmäßigen Königs. Ihn umgibt eine Aura von Unsterblichkeit, die in uns uralte Erinnerungen weckt. Er ist Adam, der vollkommene Mensch, der ohne Sünde vor Gott noch im Garten Eden wandelt. Echte Menschen dagegen sind alles Mögliche, meistens gut und böse, und die dunkle Seite unserer Seele ist zu keinem geringen Teil schon in unserer frühen Jugend nachweisbar. Man kann sogar sagen, der Mensch wird mit steigendem Alter und zunehmender Reife eher besser als schlechter, freundlicher und gewissenhafter ist er allemal, dazu emotional stabiler.7 Gewalt und Einschüchterung, wie sie Kinder auf Schulhöfen widerfahren,8 kommen in einem Erwachsenenumfeld nur selten vor. William Goldings Roman Herr der Fliegen wurde nicht zufällig zum Klassiker.
Es gibt noch weitere Indizien für die These, dass menschliche Untaten nicht so einfach den historischen oder gesellschaftlichen Umständen angelastet werden können. So musste die britische Primatologin Jane Goodall 1974 schmerzlich feststellen, dass ihre geliebten Schimpansen willens und in der Lage waren, Artgenossen abzumurksen, um einen geläufiges humanes Tuwort zu benutzen.9 Aufgrund der schockierenden Natur und der weitreichenden anthropologischen Konsequenzen hielt sie ihre Beobachtungen jahrelang unter Verschluss, fürchtete auch, erst der Kontakt mit ihr, Jane Goodall, habe die Tiere zu diesem unnatürlichen Verhalten animiert. Selbst nach Veröffentlichung ihres Buchs weigerten sich viele Tierfreunde, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Doch bald schon mehrten sich die Anzeichen, dass das beobachtete Verhalten keineswegs die Ausnahme war. Um es auf den Punkt zu bringen: Schimpansen führen Kriege, und sie tun es mit unvorstellbarer Grausamkeit. Ein erwachsener Schimpanse ist doppelt so stark wie ein gleich entwickelter Mensch – und das trotz der geringeren Größe.10 Entsetzt stellte Goodall fest, dass ihr Forschungsobjekt Stahlkabel zerreißen und robuste Hebel abbrechen konnte.11 Schimpansen sind in der Lage, sich buchstäblich zu zerfetzen, und davon machen sie Gebrauch. Menschliche Gesellschaften und ihre komplexe Technologie können dafür nicht verantwortlich gemacht werden.12 »Oftmals, wenn ich in der Nacht aufwachte«, schrieb Goodall, »sprangen mir unaufgefordert entsetzliche Bilder in den Kopf – Satan (einer der Affen), wie er seine Hand unter Sniffs Kinn hält, um das Blut zu trinken, das aus der großen Wunde in seinem Gesicht fließt; der alte Rodolf, normalerweise so gütig, aufrecht stehend, um einen Vier-Pfund-Stein auf den ausgestreckten Körper von Godi zu schleudern; Jomeo, wie er einen Streifen Haut von Dés Oberschenkel reißt; Figan, wie er auf den angeschlagenen, zitternden Körper von Goliath, einem seiner Kindheitshelden, wieder und wieder losgeht und einschlägt.«13 Kleine Gruppen junger, vornehmlich männlicher Schimpansen durchstreiften regelmäßig das Grenzgebiet ihres Territoriums. Wenn sie dort auf Fremdlinge stießen (oder ehemalige Stammesbrüder, die inzwischen nicht mehr zu ihrer stark angewachsenen Horde zählten), dann wurden diese, vorausgesetzt, man war in der Übermacht, gnadenlos niedergemacht. Schimpansen besitzen kein allzu ausgeprägtes Über-Ich, und das sollte man auch bei Menschen nie vergessen.
Nur sollte zum Dogma noch eine Vision kommen.
Und weil Kinder auch nicht immer nur gut sind, sollte man sie nicht sich selbst überlassen und erwarten, dass sie zu mustergültigen Exemplaren der Gattung Mensch heranwachsen. Sogar Hunde müssen sozialisiert werden, wenn sie in ein Rudel passen sollen – und Kinder sind ungleich komplizierter als Hunde. Daraus folgt, dass mit ihnen im untrainierten, undisziplinierten Zustand auch ungleich komplizierter etwas schieflaufen kann. Die Annahme, allein die krankmachende Gesellschaft sei schuld, wenn Individuen gewalttätig werden, ist nicht nur falsch, sie führt geradewegs zurück in den Dschungel. Wohingegen klassische Sozialisationsprozesse viel Ärger verhindern und positive Ansätze fördern. Kinder müssen geformt und unterwiesen werden, sonst können sie sich nicht entwickeln. Das sieht man schon an ihrem Verhalten. Sie kämpfen um Aufmerksamkeit, sowohl bei Gleichaltrigen als auch bei ihren Eltern, denn Aufmerksamkeit ist überlebenswichtig. Genau das macht sie im Lauf der Zeit zu gewitzten Teamspielern, die stets die Reaktion der anderen im Auge haben. Mangelnde Aufmerksamkeit hingegen schädigt Kinder ähnlich stark wie psychische oder physische Misshandlung. Es ist gewissermaßen Misshandlung durch Unterlassen, und die Folgen sind noch lange danach spürbar. Desinteressierte Eltern verpassen die Chance, ihre Kindern zu wachen Mitspielern in der Welt zu machen, und zwingen sie in eine Art Nichtanwesenheit. Wo man nicht mehr gefragt wird, muss man auch nichts mehr sagen. Nicht viel besser ergeht es Kindern, deren Erziehungsberechtigte aus Angst vor Konflikten keinen Gebrauch mehr von ihrem Recht auf Erziehung machen, ihnen alles durchgehen und sie somit ohne jede Führung lassen. Ich erkenne solche Kinder schon von weitem. Sie sind teilnahmslos und apathisch statt offen und zugänglich. Unbearbeiteter Stein, der konturlos bleibt, weil sich niemand mit ihnen Mühe gibt.
Heißt das, dass das, was wir sehen, von unseren religiösen Überzeugungen abhängt? Ganz bestimmt. Und das, was wir nicht sehen, ebenfalls.