Lothar Rumold
7 subscribers
123 photos
24 videos
55 links
Über Hölzchen, Stöckchen und andere Fundstücke.

https://lotharrumold.de
Download Telegram
25902
Der Ausziehtisch (Vorformen gab es schon im 17. Jahrhundert) war der Anfang vom Ende der Wohnkultur. Mit der Einbauküche feiert ihr Niedergang, wenn man das so sagen kann, seit Margarete Schütte-Lihotzky (also seit nunmehr 100 Jahren) wahre Triumphe. Von dieser bis zu den in die Decke integrierten Einbauspots war es nur ein minimaler Schritt Richtung Abgrund. Laminatböden, die Holzdielen mit Sägeblattspuren und Plastikständer, die Zimmerpflanzen imitieren, geben ihr heute den Rest.
👍1
25903
In der Vorrede zu seinem 1810 erschienenen "Organon der rationellen Heilkunde" (später: "Organon der Heilkunst") schreibt Samuel Hahnemann: "Der Heilkünstler in diesem Geiste [d. h. im Geist des Diensts "am Altare der Wahrheit"] aber schließt sich unmittelbar an die Gottheit, an den Weltenschöpfer an, dessen Menschen er erhalten hilft, und dessen Beifall sein Herz dreimal beseligt." Also Dienst am Menschen als Gottes-Dienst im unmittelbaren Anschluss an Gott.
Hahnemann sah sich nicht als "Gott in Weiß", sondern als intimen Helfer des Schöpfers bei der Instandhaltung der Menschheit als Teil der Schöpfung. Dienst nicht für den, sondern am Menschen für Gott in enger Zusammenarbeit mit letzterem - eine rational schwer rekonstruierbare Dreiecksbeziehung.
"Sapere aude" (Homo sapiens sapiens)! Das spätere Motto von Hahnemanns "Organon" fordert den Leser als Adepten zum Wagnis des Wissens und der Weisheit auf. Ein Wissender ist der, der weiß, wie er mit dem richtigen Gift (englisch: Geschenk, Gabe) Menschen wiederherstellen kann. Auch noch weise ist der, welcher weiß, dass er damit vor allem anderen ein Helfer Gottes ist.
25904
25905
Goethe: "Man suche nicht hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre."
Eine kurze Geschichte des christlich-islamischen Universums an einem unvermuteten Ort.
Bild: Francisco de Zurbarán: Die Übergabe von Sevilla, 1634
25906
"Homöopathie bedeutet Heilung mittels Hervorrufung ähnlicher Leiden", so die kurz-und-bündige Definition von Herbert Fritsche in seinem (man kann es nicht oft genug sagen) äußerst gehaltvollen Buch über Samuel Hahnemann. Kurieren nach dem Vorbild der japanischen Kampftechnik Aikido also. Eine zerstörerische Kraft, die derjenigen, welche im Angreifer (in der Krankheit) wirkt, ähnelt, wird eingesetzt, um den Aggressor außer Gefecht zu setzen und den Konflikt zu neutralisieren: Similia similibus curentur (man sagt auch: ein Kranker wirke angegriffen).
Denen, die mit dialektischer Bauern- oder Tiefenschläue im Angreifer einen Freund des Angegriffenen erkennen wollen, wird diese Sichtweise nicht genehm sein. Freunde bekämpft man nicht, sondern heißt sie willkommen. Als Phänomenologe bleibt man aber dabei, dass ein X kein U ist.
Homöopathie heilt auf der phänomenologischen Ebene unter Verzicht auf metaphysische Ursachenforschung, so wie der Verteidiger sich um seiner erfolgreichen Verteidigung willen nicht dafür interessieren kann, welche tieferen oder höheren Gründe den Angreifer zu seinem Angriff bewogen haben mögen.
25907
Gottfried Keller: "Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich die Welt um ihn."
1
Lothar Rumold
"Homöopathie bedeutet Heilung mittels Hervorrufung ähnlicher Leiden", so die kurz-und-bündige Definition von Herbert Fritsche in seinem (man kann es nicht oft genug sagen) äußerst gehaltvollen Buch über Samuel Hahnemann. Kurieren nach dem Vorbild der japanischen…
Die Homöopathie, schreibt Herbert Fritsche, sei vom Sinn der Krankheit durchdrungen, gleiche sich ihr mitsinnig an, bestärke sie in ihrer Tendenz, sage "ja" zu ihren Symptomen und zolle ihnen Respekt: "wer mitsinnig handelt, [muss] sanft und leise ins Innere dringen, muß sich ins feine Spiel der Dynamis und ihrer physiologischen Auswirkungen einzuschleichen wissen." Mitsinnig heilen heißt also nicht der Krankheit das Feld überlassen, hinter dem Ja zu den Symptomen steht ein grundsätzliches oder lebenspraktisches Nein, das Respektieren ist eine List, mit der Bestätigung und Bestärkung will ich als Homöopath den Gegner zu Fall bringen, sonst würde ich mich nicht bei ihm "einzuschleichen" suchen. Mit der Krankheit gegen die Krankheit, an der Gegnerschaft ist nicht zu rütteln (man geht auch zum Homöopathen nicht, weil man seine Symptome gut findet, sondern weil man sie loswerden will).
25908
Aus Herbert Fritsches Hahnemann-Buch: "Denkt der Allopath als Kausalanalytiker logisch, so der Homöopath als Schauender analogisch. Geht der eine direkt, massiv und stoßartig gegen die Symptome an, so wählt der andere den indirekten, behutsam-leisen, rhythmisch sich einschleichenden Weg. Homo faber ist der eine, Homo divinans [Vorhersehender, Vorausahnender] der andere." Mein Platz ist, nebenbei bemerkt, irgendwo dazwischen (oder mal da, mal dort).
Seine Gegner bekämpft Hahnemann nicht mitsinnig japanisch, sondern allopathisch "direkt, massiv und stoßartig". Fritsche meint, das habe ihn "viel Kraft gekostet und leider auch viel Ruf". Vielleicht war das polternde Polemisieren im Außen aber auch eine Art Arznei für ihn, ein mitsinniges Mittel gegen ein inneres, potentiell schädigendes Poltern in einem noch zu bestimmenden Sinn. Gewalt (wozu tendenziell auch die Polemik zu zählen ist) sei ein allopathisches Prinzip, meint Fritsche. Aber mitunter ist sie womöglich doch das homöopathische Mittel der Wahl.
1
25909
Frau neigt dazu zu glauben, ihr empfindliches Zusammenzucken als Reaktion auf die eine direkte oder die andere vorpreschende männliche Verhaltens- und Ausdrucksweise müsse (aufgrund übergeordneter natürlicher Rechte) vom Mann an ihrer oder anderer Frauen Seite in vorauseilender Rücksichtnahme immer schon ins eigene sprachliche und sonstige Verhalten als zu vermeidende Konsequenz integriert werden. Da wir auch und gerade bis ins Sprachliche hinein in einer durchfeminismusierten "Gesellschaft" leben, gibt diese den Frauen recht. Also biege und beuge dich, Mann, oder trage die Konsequenzen. Unter uns Geschlechtsgenossen: Wer diplomatisch berechnend agiert, bleibt oder wird authentisch unberechenbar. Souverän ist, wer die Spielregeln kennt und über genügend Menschenkenntnis, Frauenverständnis und Selbstdisziplin verfügt, um sie dort und nur dort zu beachten, wo es ihm opportun oder angebracht zu sein scheint.
25910
Herbert Fritsche (geboren am 14. Juni 1911 in Berlin) veröffentlichte 1942 (da war er einunddreißig Jahre alt) die erste Fassung des von mir oft und gerne erwähnten Buchs über Samuel Hahnemann. Die zweite Fassung erschien 1954 (Fritsche war dreiundvierzig) in Stuttgart. Fritsches diesseitiges Leben endete in rätselhafter Depression sechs Tage nach seinem neunundvierzigsten Geburtstag am 20. Juni 1960 in München - allopathisch kategorisierte Todesursache: "Pneumonie". Woran der Homöopath, Esoteriker und Okkultist wirklich starb, bleibt ein Geheimnis.
Im neunzig Kilometer entfernten Oberammergau schrieb mein dreißigjähriger Vater am selben Tag zwei Briefe. Im ersten schwelgte er in Klagen über sein selbstgewähltes Getrenntsein (jetzt schon im vierten Jahr) von seiner in Karlsruhe weilenden Frau, im zweiten Brief erzählte er seinem nun bald fünfjährigen Sohn etwas vom Baden im Bach, vom Rehkitz im Gehölz, vom Hasen auf der Flucht und davon, dass er jetzt wieder schnitzen muss, weil wir das Geld brauchen, das die Leute für die geschnitzten Figuren bezahlen.
In München stürzt ein Ikarus, weil er der Sonne zu nahe gekommen ist, weitgehend unbeachtet ins Meer, während gleich daneben ein Schnitzer seinen Holzacker pflügt und davon träumt, ein Seemann zu sein, dessen Heimat nicht das Meer ist und dessen Freunde nicht die Sterne sind.
Wahrscheinlich von Pieter Bruegel d. Ä. (Mitte 16. Jahrhundert) - finde den Ikarus!